Glaube und Unglaube - eine Predigtreihe zur Jahreslosung 2020 - die Texte der Predigten

Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

 

 

 

Pfarrer Martin Kreuser, Dettenhausen: Glaube und Trägheit

Die Jesus-Polonaise. Leben in der Nachfolge

Markus 8,34-38

 

Liebe Gemeinde:

Wie geht das – ein Christ / eine Christin sein?

Und wenn ich welche kenne, die von sich sagen ‚Ich bin Christ und ich glaube an Gott‘ – wie macht man das ‚glauben‘?

Es sind meine allerersten Kindheitserinnerungen. Mein Vater kam von der Arbeit nach Hause; ich stehe oben auf der Holzstiege, er kommt zur Türe rein, stellt seine Tasche ab, breitet die Arme aus – und ich springe, die steile Treppe hinab, ihm entgegen, die Ärmchen nach vorne gestreckt, voller Vertrauen und im Wissen darum, dass er mich auffängt und lieb hat! – Glauben ist ein Sprung, ein Wagnis; ein Schritt, in dem ich mich riskiere und dem ausliefere, der mich um und bei sich haben will!

In der Mitte des Markusevangeliums ruft Jesus das Volk und seine Jünger zu sich und erklärt mit 5 weisheitlichen Sätzen, was es heißt zu glauben und ein Christ zu sein. Wir hören den Predigttext aus Markus 8,34-38: ---

Die Basis-Bibel übersetzt den ersten Vers so:

Wer mir folgen will, der darf nicht an seinem Leben hängen.

Er muss sein Kreuz auf sich nehmen und mir auf meinem Weg folgen.

Wem folge ICH? Wonach richte ich mein Leben aus? – Da hat ein jeder von uns zunächst einmal seine Pflichten. Ihr müsst Morgen wieder in die Schule, wir Älteren machen unseren Job, sorgen für unsere Familie, bemühen uns hier und da dienstbar und hilfreich zu sein und wollen möglichst keinem zur Last fallen. Das ist nicht wenig! Aber reicht das?

Jesus sagt: Wer mir nachfolgen will, darf nicht an seinem Leben hängen. Er darf sich nicht dem ausliefern, was Andere von ihm denken oder von mir erwarten. Du sollst dich nicht abhängig machen vom Lob oder vom Tadel Anderer und dich nicht in den Sog hineinziehen lassen, dass du die Anerkennung anderer brauchst! Nein, das erste und letzte und entscheidende JA zu Dir kommt von höchster Stelle und macht Dich frei von dem, was Andere zu dir sagen und über dich denken.

Dann lassen wir uns auch nicht mehr ködern von faulen Glücksversprechen wie ‚Geld verdienen; immer mehr Geld verdienen‘; dann sind wir nicht anfällig für die Versuchung, unser Gewissen hinten anzustellen wenn’s um mehr Macht und Einfluss geht und lassen uns auch nicht hinhalten mit der Versuchung ‚Streng dich jetzt mehr an und hab dann einfach mehr Spaß im Leben!‘

Nicht die breite Straße in dem, was alle tun, sondern der schmale Weg des ‚Sich-Gott-in-die-Arme-werfens‘, der ist gefragt und führt zum Glück, das den Namen verdient!

Glauben heißt folgen. Jesus folgen. Ganz im schwäbischen Sinn des Wortes. Wenn eine Mutter oder ein Vater sagt: ‚Jetzt folgst Du aber!‘ dann meint das dreierlei: Jetzt hörst du, was ich sage; jetzt nimmst du dir das zu Herzen – und dann tust du das! – Kompliziert? Autoritär?!!

Schauen wir auf die Gefolgsleute Jesu, seine Jüngerinnen und Jünger. Jesus geht. Jesus sieht. Jesus befiehlt: DU! Hierher. Hinter mich. Folge mir nach! Und sofort ließen sei alles stehen und liegen und folgten Jesus nach. – Man kann das als einen konstruierten und unwahrscheinlichen Bericht abtun. Man denkt, Jesus hätte sie doch wohl zuerst kennengelernt, zu ihnen geredet, sie begeistert und überzeugt, und dann wären sie ihm gefolgt.

Der Evangelist Markus berichtet uns das anders, schroffer, unvermittelt. Er tut das aus seiner Erfahrung heraus, dass der Glaube ein Sprung ist. Er lebte in einer Umgebung, in der jeder das glaubte, was er für richtig hielt und wo es eine Vielzahl von religiösen und weltanschaulichen Wegen und von möglichen Überzeugungen gab. Eben da ist der Glaube an Christus ein Wagnis, ein Sich-aus-der-Hand-geben und ein vollständiges Sich-Gott-anvertrauen.

Zum Glauben gehört immer auch eine Portion Mut. Wer glaubt, muss seine eigene Trägheit und Bequemlichkeit überwinden, und auch mit der ewigen Abwägerei aufhören, was könnte denn für mich das Beste sein. – Es gilt, sich aufmachen, sein Leben vom Kopf auf die Beine stellen und mit seinem Leben in die Fußstapfen Jesu zu treten. Das ist wie bei einem fremdartig neuen Essen, das dir dargereicht wird. Du kannst sagen: Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht. Und du kannst viel darüber räsonieren, was da wohl drin verkocht ist, ob die darin enthaltenen Gewürze dir bekömmlich sind, ob das überhaupt genießbar ist und dein Magen das verträgt.

Ob Christsein gut ist oder altmodisch, ob es dich einschränkt oder beglückt – von außen kann man stundenlang darüber streiten. Es kommt darauf an, das Dargereichte zu vervespern, den Sprung zu wagen und vom Anschauen weg und zum Mitmachen hin sich zu bewegen!

Wie geht ‚nachfolgen‘? Das Ferienwaldheim unserer Kirchengemeinde braucht Mitarbeiter, nicht nur Jugendliche, sondern auch und gerade für Jungs braucht’s starke Männer, die was drauf haben und die was anleiten können. Diese Woche kam die mail eines Familienvaters: ‚Wir haben Familienrat gehalten. Ich nehme fürs Waldheim eine Woche Urlaub und bin dabei! Dass die Kinder was von Gott erfahren und christliche Gemeinschaft erleben, ist mir wichtig.‘ - Glauben heißt folgen. Die frohe Botschaft breitet sich aus, wo wir uns auf sie einlassen!

Wisst Ihr, was eine Polonaise ist? Musik spielt auf, Einer geht im Takt voraus, ein Zweiter legt ihm die Hände auf die Schultern, ein Dritter kommt dazu, reiht sich ein, der Zug ist formiert und zuckelt voran, es kommen weitere dazu und bald ist es eine richtig lange Schlange, die da unterwegs ist. Der ERSTE gibt die Richtung vor, die Anderen folgen ihm nach.

Glauben heißt: sich einreihen in die Jesus-Polonaise. In seine Fußstapfen treten. Selber davonsingen und sagen, dass es Gott gibt und dass er sein Reich der Liebe und der Gerechtigkeit hat anbrechen lassen – und DU sollst ein Teil davon sein! Hierher, hinter mich, folge mir nach: Alles paletti!?!

Wir lesen weiter im Markusevangelium. Bald zeigt es sich, dass Jesu Jünger alles andere als paletti und perfekt sind.

~Als ihnen das erste Mal auf rauer See der Wind ins Gesicht bläst, bekommen sie es mit der Angst zu tun. Jesus weist sie zurecht: Habt Ihr noch keinen Glauben?

~Als sie damit konfrontiert werden, dass Menschen um sie herum bedürftig sind und Hunger haben, fordern sei den Meister auf, ihnen die Hungerleider vom Hals zu halten: Schick sie weg! - Doch Jesus entgegnet: Gebt Ihr ihnen zu essen!

~Als es hinauf geht nach Jerusalem und Jesus ihnen mitteilt, dass er weiter ganz auf die Liebe setzt, auch und gerade seinen Feinden gegenüber, bis zur letzten bittersten Konsequenz, die ihn sein Leben kosten wird, da versuchen sie ihn davon abzuhalten. Als Petrus, der Erste in der Polonaise, ihn zur Seite nimmt und ihn von so viel Hingabe abhalten will, watscht Jesus ihn sehr schroff ab: Geh weg von mir, du …Teufel!

Die Jünger machen so ziemlich alles falsch. Sie zoffen sich, wer von ihnen der Größte ist; sie buhlen darum, wer im kommenden Reich an den Schalthebeln der Macht sitzt; einer verrät, einer verleugnet; und als nächtlicher Beistand gefragt ist, verpennen sie’s unterm Olivenbaum, und als Jesus hingerichtet wird, wagen‘s nur noch die Jüngerinnen, immerhin noch aus der Ferne zuzuschauen. Etwas abgekürzt ausgedrückt: die Nachfolger Jesu sind ängstlich, bequem, eitel, eigensüchtig und begriffsstutzig. Sie neigen zu Fehlschlüssen und fallen immer wieder meilenweit zurück hinter die Vorgaben ihres Herrn. – Ja, Sie haben richtig gehört: bei denen geht’s zu wie bei ... uns! Wie so oft in einer normalen volkskirchlichen Gemeinde in Dettenhausen oder anderswo. Auch bei uns menschelet’s, auch uns fehlt bei Vielem der Mut, auch wir stellen viel zu selten die Frage: Was würde Jesus tun, hier und jetzt? Und folge ich ihm??!

„Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“ Unglaube äußert sich allzu oft als mangelnder Mut, sich auf Jesus und seinen Ruf einzulassen. Unglaube ist beim trotzigen Kind, das sagt: „Ich stürze mich keinem in die Arme. Ich bleibe hier oben sitzen in meiner Loge. Hier bin ich mir selbst der Nächste. Was soll ich mit einem Vater?“

Unglaube ist die Trägheit / ist die mangelnde Disziplin, dem Ruf Jesu zu folgen.

Aufopferungsvoll hat die rüstige Dame ihren Mann begleitet bis zuletzt. Jetzt muss und will sie sich neu ausrichten. Sie erinnert sich: ‚Eigentlich habe ich immer gerne gesungen. Und bei Stimme bin ich noch!‘ Ich lade sei ein, den Faden aufzunehmen und im Kirchenchor mitzusingen. Sich einzubetten in die Mehrstimmigkeit, mit dazu beizutragen, dass Gott wohnen will in den Lobliedern seiner Gemeinde! Ob sie den Schub kriegt, da zu folgen? Man und frau muss es ausprobieren!!

Die Jünger Jesu haben in vielem versagt. Aber Sie haben das eine Entscheidende richtig gemacht: Sie folgten Jesus nach. Sie reihten sich hinter ihm ein. Und nach Petrus und Johannes auch Maria von Magdala und Lydia, die Geschäftsfrau. Und der Zeltmacher Paulus, und Silas und Junia. Und der Lebemensch und Schnelldenker Augustinus. Und Petrus Waldus und Dr. Martinus Luther. Friedrich von Spee und Johannes Brenz. Und alle unsere Vorfahren, die hier über die Schwelle des Kirchenportals gegangen sind, durch die Jahrhunderte hindurch. Und Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King Karoline Mayer und und und. Sie alle sagen sie an, wie Jesus, Gottes neue Welt, in der es anders und besser und gerechter zugeht – und sie tun was dafür. Sie teilen, was sie haben. Sie helfen, wo sie können. Sie lösen die Fesseln, derer, die gefangen sind. Sie lassen Gott GOtt sein und wollen nicht ohne ihn leben. – Und Du?

„Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele?“ fragt Jesus. Das ist ein echter Lupfer. Ich werde darauf hingestoßen, mich zu fragen, was wirklich zählt. Alle Jagd nach Reichtum, alles Streben nach Anerkennung und Geltung ist Nichts, wenn meine Seele Schaden nimmt, wenn meine Beziehung zu Gott gestört ist und ich mich aus der Polonaise der Glaubenden ausklinke.

Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt? In dem Satz steckt ein heilsamer Wechsel der Perspektive. Es ist ein Satz, der befreit! Ein Satz, der entschleunigt. Ich muss nicht überall der Erste sein. Ich muss nicht überall mithalten wollen. Ich kann innehalten – und mich auf Gott einlassen. Ich kann abgeben – und dabei reich werden. Ich kann für Andere da sein – und dabei Freunde und Freude finden. Der Glaubensweg Jesu mutet uns viel zu – und mit ihm ist uns Alles geschenkt!!

Die Jesus-Polonaise läuft nicht im Kreis herum, sondern auf ein Ziel zu. Wir kommen an! Gott wird einmal alles in Allem sein.

Der Menschensohn dreht sich einmal ganz zu uns hin um und will wissen: Was hast Du getan? Was hast Du unterlassen? Wer sich wegen mir schämt und sich vor mir weggeduckt hat, der wird für mich beschwerlich sein.

Der Menschensohn am Ende der Tage ist der Gekreuzigte. Es ist der, der auch meine Lieblosigkeit und meine Trägheit auf sich genommen hat, um sie zu überwinden!

Glauben – wie geht das? Glauben hat mit Mut zu tun. Sich in der Vielzahl der möglichen Lebensziele, Einstellungen und Anschauungen zu beschränken auf den Einen. Auf den Anführer, den Wortführer Gottes. Auf Jesus Christus. IHM zu folgen verbindet uns mit Gott und untereinander. Ihm zu folgen schafft Abhilfe unserem Unglauben, stärkt in der Not und ist mein Glück, jetzt und für immer.

AMEN.

 

 

Pfarrerin Susanne Fleischer, Kusterdingen: Glaube und Sterben

Pfarrerin Susanne Fleischer, Kusterdingen:  Glaube und Sterben

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach

1. Mose 32,23-33

 

I Der sterbende Pfarrer

Drei Tage, nachdem er gestorben war, wachte er wieder auf. Es war sonst nicht ganz wie bei Jesus. Kein Kreuz. Keine Grabkammer. Kein Engel, der einen Stein hinwegwälzte. Keine fassungslosen Frauen. Sondern er lag im Krankenhaus. Auch konnte er sich nicht erheben, um seine Auferstehung zu begehen. Sein Körper fühlte sich an, als hätte er selber den Stein gewälzt, seine Glieder zerschlagen, schmerzend, ohne jede Kraft. Er versuchte den Kopf zu wenden, wurde aber von etwas, das in seinem Hals feststeckte, daran gehindert. Er wollte mit einer Hand ertasten, was es war, doch auch seine Hände gehorchten ihm nicht. Man hatte sie rechts und links von seinem Körper am Bettgestell festgebunden, so schien es ihm. Er wollte rufen, brachte aber nur ein seltsames Krächzen hervor. Gegenüber erkannte er eine Uhr an der Wand, die ein paar Minuten nach zwölf zeigte. Er schloss die Augen, das war alles zu viel für ihn, und als er sie wieder öffnete, war der Zeiger weitergewandert. Es war also die Zeit und nicht die Ewigkeit, in der er sich befand.

 

Liebe Gemeinde,

ein Mann liegt im Sterben. Davon erzählt der Roman „Der Gott der letzten Tage“ von Sibylle Knauss. 66 Jahre ist er alt, Kettenraucher gewesen, seine Lunge ist zum wiederholten Mal kollabiert. High-Tech-Medizin hat ihn zurück ins Leben geholt. Aber er weiß, dass er nicht mehr auf die Beine kommt. Er ist auf’s Sterben vorbereitet. Wer, wenn nicht er? Der Sterbende war nämlich Pfarrer. Er hat selbst Sterbende begleitet, hat am Grab gesprochen, hat tröstlich und kraftvoll gepredigt. Er kennt sich aus mit dem Tod. Doch jetzt wird er künstlich beatmet. Er kann nicht mehr sprechen. „Es hat Gott gefallen, ihn zum Schweigen zu bringen“ – so urteilt er selbst.

In ihm, da spricht es freilich. Sein Leben spricht zu ihm. Schuld und Verfehlungen der Vergangenheit klagen ihn an. Seine Kinder hat er geschlagen. Seine Frau reichte die Scheidung ein. Seiner Sucht wurde er nicht Herr. Privat war er ein Tyrann, das erkennt er nun. In der Gemeinde aber hoch beliebt. Zwei Leben hat er geführt, vor und hinter der eigenen Haustür. Nun liegt er auf dem Rücken wie ein gefallener Käfer. Es bleibt ihm nur das innere Gespräch. Sein Gesprächspartner ist kein geringerer als Gott selbst. Dieser Gott, der da spricht, hat ihm einiges zu sagen. Er duldet kein Pathos und keine Ausreden. Und so zeigt es sich, dass das Sterben eine sehr lebendige Sache ist. Ein großes Ringen mit dem was war und dem was kommt. Ein Ringen mit Gott selbst.

Ich weiß, was du wissen willst. [sagt Gott.] Du willst wissen, ob es mich gibt. Das wollt ihr alle, wenn es ans Sterben geht. Alle die braven Atheisten, die ihr Leben lang auf der sicheren Seite gewesen sind. Kein Blick über das hinaus, was ihnen ihr Verstand erschließt. Und plötzlich wollen sie wissen, ob da nicht doch etwas ist, die ganze Zeit ihres Lebens da war, das ihnen entgangen ist. Oder die anderen, wie du, die mit mir gerechnet, mich studiert haben, die an mich glauben und plötzlich wissen wollen, ob es mich wirklich gibt.

Gibt es dich wirklich, Herr? Kann ich mich darauf verlassen?

Mein Leben lang habe ich dir gedient. Und jetzt? Lass mich nicht zweifeln! War das ein frommer Selbstbetrug? Meine Gebete – an wen gerichtet? (…)

Antworte mir bitte, Herr. Ich brauche das jetzt. Ich sterbe. Ich habe Angst, ohne dich zu sterben. Verlass mich jetzt nicht, Gott!

 

II Ich glaube – hilf meinem Unglauben!

 

Liebe Gemeinde,

„Ich glaube – hilf meinem Unglauben!“

Als ich die Jahreslosung für 2020 las, fiel mir sofort der Roman „Der Gott der letzten Tage“ wieder ein, den ich letztes Jahr gelesen hatte. Unsere Predigtreihe ist dieses Jahr eine Auslegung der Jahreslosung über mehrere Wochen. Denn dieses Gleichzeitige von Glauben und Unglauben, dieser paradoxe Schrei: Ich will glauben – und kann es doch nicht! – das beschäftigt uns unser Leben lang in verschiedensten Situationen. „Glaube und Sterben“ habe ich mir, inspiriert von Sibylle Knauss‘ Roman, ausgesucht.

Denn ich denke, dass wir diese Erfahrung vielleicht schon gemacht haben, wenn wir das Sterben eines nahestehenden Menschen miterlebt haben: Ich glaube – hilf meinem Unglauben! Und dass wir sie, wie der sterbende Pfarrer aus dem Roman, vielleicht auch selbst machen werden, wenn es an uns ist, die letzte Grenze zu überqueren: Ich glaube – hilf meinem Unglauben!

Freilich, liebe Gemeinde: Bei der Vorbereitung dieser Predigt wurde ich immer weniger sicher. Kann ich überhaupt etwas sagen über das Sterben?

Wie weit kann ich mich an diese Grenze herantasten und etwas von ihr erzählen?

Ich selbst war ja noch nicht dort.

Auch als Pfarrerin, das musste ich mir eingestehen, bin ich eben keine Expertin für das Sterben und den Tod. Soviel ist sicher: Sterben ist eine individuelle Angelegenheit. Jeder Mensch stirbt anders.

Einer wird plötzlich, mitten im Leben, abberufen.

Eine ist schwer krank und setzt sich lange Zeit mit dem Sterben auseinander, geht von Angst zu Hoffnung zu Zweifel zu Zuversicht.

Einer stirbt alt und lebenssatt.

Eine hätte so gern noch so vieles erlebt.

Fest steht: Der Tod ist so einzigartig, wie jeder Mensch einzigartig ist.

Und selbst wo es das gibt: Die Sterbephase, wie sie unser Pfarrer im Roman erlebt; da ist es in Wirklichkeit eben nicht so wie im Roman.

Wie oft stand ich schon an Sterbebetten und habe es so empfunden:

Wir sehen nicht in das Innere des Sterbenden hinein.

Es scheint, als ob sich der Sterbende mehr und mehr zurückzieht.

Er wendet sich nach innen; in Träumen, im Halbschlaf oder auch im monologhaften Gespräch ist es, als ob er Rückblick auf sein Leben hält. Man möchte helfen, sprechen, und ahnt doch oft nicht, was im anderen vorgeht. Manchmal scheint es, als befinde sich der Sterbende schon mit einem Fuß in einer anderen Welt, am anderen Lebensufer. Er verliert den Bezug zu unserer Realität. Häufig tritt auch eine Unruhe auf, die wir uns nicht erklären können. Meist können wir nicht mehr tun als dazusein, zu begleiten, ein Resonanzraum zu sein für die Erfahrungen, die der Sterbende jetzt macht. Doch nachvollziehen können wir selbst diese Erfahrungen nicht – noch nicht.

Die Autorin unseres Romans Sibylle Knauss sagt in einem Interview über ihr Buch: „Der Sterbeprozess ist ein Prozess, in dem sich ein Mensch vom Leben und den anderen lebenden Menschen entfernt. Und die Menschen, die drum herum stehen, entfernen sich von dem Sterbenden. Und letzten Endes ist der Partner, der ihm gegenübersteht: Gott. Das ist unser letzter Gesprächspartner (…), und zwar unabhängig davon, ob wir in unserem Leben an Gott geglaubt haben, ob wir gläubige Christen waren – das ist die letzte Instanz! Oder das Nichts.“

Liebe Gemeinde, es ist ein Grenzgebiet, in das wir uns heute vorwagen.

Je näher wir der Grenze kommen, desto dunkler, unbeschreiblicher wird das, was hier geschieht.

Wer sind wir an dieser Grenze?

Und: wer ist Gott für uns an dieser Grenze?

Wie können wir glauben? An wen können wir uns halten?

Ich glaube – hilf meinem Unglauben!

 

III Jabbok

 

Liebe Gemeinde,

auch die Bibel erzählt uns nicht, was beim Sterben passiert. Aber sie erzählt von der Grenze am Ende des Lebens. In tiefen, mythischen Bildern, traumähnlich, erzählt sie von dem großen Ringen:

Jakobs Kampf am Jabbok.

Ob wir hier etwas erahnen können von dem Kampf, den Sterbende führen?

Ob wir uns herantasten können an die Grenze des Lebens, und sei es in mythischen Bildern?

Nacht fällt schon über das Land, als Jakob auf dem Berg steht und hinunterschaut.

Die Furt glitzert im Mondlicht.

Der Jabbok ist der Grenzfluss von der Fremde in die Heimat.

Ins Land seiner Kindheit.

Jakob will den Übergang wagen, heute Nacht.

Einst war er von hier geflohen.

Sein halbes Leben hat er in der Fremde verbracht.

Er hatte ja seine Familie betrogen, sich den Segen des Vaters erschlichen.

„Ich bring ihn um!“ hatte der Bruder Esau zornestaumelnd gebrüllt –

und Jakob war Hals über Kopf geflohen, um sein nacktes Leben zu retten.

Aber jetzt will Jakob zurück.

Er will nicht in der Fremde sterben.

Er will sie noch einmal fühlen, die Geborgenheit der Kindheit.

Den Geruch der Mutter erinnern, die Stimme des Vaters.

Noch in der Nacht schafft er alle hinüber, die zu ihm gehören: Frauen, Kinder, Viehherden.

Allein bleibt er am Fluss zurück.

Er späht hinüber auf die andere Seite – da liegt sie, die alte Heimat, vertraut und doch fremd; in ihr die alten Geschichten und Konflikten.

Und da springt ihn etwas an.

Angst drückt ihm die Kehle zu.

Schuld umklammert ihm den Hals.

Scham zwingt ihn in die Knie.

Den Bruder hat er betrogen, den Vater getäuscht, die Mutter zurückgelassen;

Lea hat er genommen, aber nicht geliebt;

Rahel, seinen Augenstern, jetzt in tödliche Gefahr gebracht.

Ziegen, Kühe, Esel, Kamele – durch Fleiß hat er große Herden aufgebaut,

aber doch immer wieder auch mit schlauen Tricks den eigenen Vorteil gesichert.

Die alten Muster, von Rebekka, der Mutter, eingefädelt – der Betrug von damals -

Er hat sie selber weitergesponnen ein Leben lang.

Jakob aber blieb allein zurück.

Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.

Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er an das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.

Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Im nächtlichen Kampf ist schwer zu erkennen, wer gerade oben und wer unten ist.

Im Gleichgewicht der Kräfte sind die beiden Gestalten ineinander verhakt.

Sie sind zwei. Sie sind eins. Wie ein innerer Kampf, ein inneres Ringen.

Wer oder was ist es, der Jakob überfallen hat?

Wer ist dieser finstere Grenzer, der dieses Gebiet bewacht?

Was ist das für ein lichtscheuer Flussdämon?

Ist es der Gläubiger der Seele, der ihm in dieser Nacht die Rechnung präsentiert?

Ist es Esau, der sich ihm in den Weg stellt?

Ringt Jakob mit sich selbst, ist dies ein Kampf mit seinem eigenen Schatten?

Oder ist die geheimnisvolle Gestalt ein Engel?

Ringt Jakob mit Gott?

Muss er denn noch Zoll bezahlen, ehe ihm der Schiffer die Überfahrt erlaubt?

Mitten in der Nacht springt ihn einer an und hält ihn fest.

Kann man sich denn selbst nie entkommen?

Jakob kommt nicht hinüber, bevor er diesen Kampf nicht zuende gekämpft hat.

Es ist die Aufgabe, die mit dem Übergang verbunden ist.

Sieh der Wahrheit über dich selbst ins Gesicht.

Erkenne, wer du warst.

Wer du geworden bist und warum.

Und wo du kannst: Versöhne dich. Finde Frieden.

Erst dann kannst du hinüber.

Schon längst ahnt Jakob, wer es ist, der mit ihm ringt.

Es ist der, der die Aufgabe gestellt hat.

Es ist Gott selbst.

Doch wie kann Jakob, wie kann ein Mensch Versöhnung und Frieden finden im Kampf gegen Gott?

Jakob begreift: Ich brauche seine Hilfe, seine Kraft, seinen Segen!

Aber ist Gott auch bereit, mir zu helfen?

Wer bist du für mich, Gott?

Eine dunkle Nachtgestalt, die mich zu erwürgen droht?

Oder der Retter, der mir seinen Segen gibt?

Ich glaube – hilf meinem Unglauben!

Da scheint eine andere Nacht auf in Jakobs Erinnerung.

Lange ist das her.

Damals auf der Flucht.

Ein Traum: Stufen von der Erde zum Himmel.

Engel, die daran auf- und niedersteigen.

Und Gott selbst, der zu ihm spricht.

Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Und Jakob hält sich fest an diesem Wort und kämpft sich wieder hoch.

Er klammert sich an die ferne Zusage:

Gott, wenn dein Wort von damals gilt, dann vernichte mich jetzt nicht, sondern rette mich!

Schenke mir deine Gnade und neue Zukunft!

Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!

 

Liebe Gemeinde,

die größten Kämpfe fechten wir mit uns selber aus. Infrage gestellt von Angst und Versagen ringen wir mit unserem Schatten, der sich auswächst zu einem Dämon in der Nacht, einem Zerrgesicht Gottes. Doch wie können wir uns auch der dunklen Wahrheit über unser Leben stellen und dennoch zu Versöhnung und Frieden gelangen? Wie kann Gott für uns vom Ankläger und Ringkämpfer zum Helfer und Retter werden?

Ich glaube, so: Indem wir Gott beim Wort nehmen. Indem wir Gott in der letzten Stunde verhaften bei seiner ersten Stunde mit uns. Das ist unsere Taufe. Ein Bund, den Gott mit uns geschlossen hat, mit jeder und jedem individuell:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst!

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.

Nichts ist stärker als das. Daran sollen wir uns erinnern, daran sollen wir uns halten. So wie es Martin Luther empfohlen hat, der ja auch zu kämpfen hatte mit Schatten in der Nacht: Wenn dir Gott unverständlich und verborgen ist, wenn du zu kämpfen und zu ringen hast, dann schau nicht auf den verborgenen Gott und versuche ihn nicht zu ergründen; sondern sieh auf den offenbaren Gott in Jesus Christus.

Sieh auf Gottes Liebe und erinnere dich daran: Mit dieser Liebe bist du durch die Taufe fest verbunden. Nichts kann dich scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist. An den offenbaren Gott, den liebenden Gott klammert sich Jakob. An den Gott mit menschlichem Antlitz, dem Antlitz Jesu, klammern wir uns – und lassen ihn nicht.

Wie heißt du? fragt der Umklammerte. Und Jakob antwortet mit seinem Namen – mit seinem richtigen Namen. Nicht wie damals, als ihn der blinde Vater Isaak nach seinem Namen fragte, und er log, um sich den Segen zu erschleichen: Ich bin Esau. Jetzt spricht er die Wahrheit über sich selbst aus:

Ich heiße Jakob, der Fersenhalter, der Betrüger.

Diesem Namen habe ich traurige Ehre gemacht mein Leben lang. Aber mit diesem Namen, trotz dieses Namens, hoffe ich auf deinen Segen, den du mir zugesagt hast.

Ich hoffe auf Vergebung. Versöhnung. Und Frieden.

Und Gott willigt ein, ja mehr noch, Gott gibt Jakob einen neuen Namen:

Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel;

Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.

Israel, Gottesstreiter heißt Jakob nun, der neue Name ist wie ein neues Leben:

Die Schuld des alten ist vergeben.

Neue Wege öffnen sich zur Versöhnung mit dem Bruder.

 

IV Neuer Morgen

 

Und nun, endlich, kann Jakob, kann Israel hinüber über den Fluss.

Er geht aus dieser Nacht mit dem Segen Gottes.

Einen Preis hat er bezahlt für diesen Segen.

Er ist nicht mehr unversehrt; er hinkt an seiner Hüfte.

Der letzte Segen wird das Leben kosten.

Aber er wird es wert sein.

Der Gottesstreiter erfährt Vergebung.

Er kann sich mit seinen Nächsten versöhnen.

Er findet letztlich Frieden.

Auf der anderen Seite des Ufers wartet der neue Morgen auf ihn.

Und Jakob nannte die Stätte Pnuel: Denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. Und als er an Pnuel vorüberkam, ging ihm die Sonne auf.

Liebe Gemeinde,

wie es sein wird am Ende, auf der Grenze - das wissen wir nicht.

Aber die biblischen Geschichten üben es mit uns ein, auf die Grenze zu schauen.

Und manchen Kampf mit der dunklen Wahrheit über uns selbst schon im Leben auszufechten.

Um schon hier Versöhnung und Frieden zu finden.

Jakob jedenfalls geht aus diesem Kampf gesegnet.

Er geht mit der Erfahrung: Gott lässt sich festhalten.

Gott steht zu seinem eigenen Wort und zu seiner eigenen Zusage.

Gott wird es gut machen und auch am Ende segnen.

So und nicht anders stelle ich es mir vor. So und nicht anders glaube ich es.

So und nicht anders erfährt es schließlich auch der sterbende Pfarrer nach all seinen Kämpfen:

Gott?

 

Ich bin da. Ich bin immer da. Ich werde bleiben, bis du eingeschlafen bist.

Das ist gut.

Woran denkst du?

Jesaja 66 Vers 13. Bist du der Gott, der mich tröstet, wie einen seine Mutter tröstet?

Der bin ich. Du kannst jetzt schlafen.

Amen.

 

 

 

Pfarrer Michael Knöller, Pfrondorf: Glaube und Zweifel

Wenn ihr mich sucht, ich bin im Zwiespalt

Mt 14,22

Die Predigtreihe unseres Distrikts hat sich in diesem Jahr durch die Jahreslosung mit dem Glauben beschäftigt. Heute geht es um das Thema „Glaube und Zweifel“.

Der Spruch auf der Postkarte hat mir gefallen:

„Wenn ihr mich sucht dann findet ihr mich im Zwiespalt!“

Im Zwiespalt ist es nicht schön,

aber da spielt sich nun mal unser Leben ab!

Der Spruch stellt klar:

Glaube und Zweifel gehört zum Menschsein.

Und zwar von Anfang! Also, nicht ganz.

Denn am Anfang, da waren wir nicht im Zwiespalt, sondern im Paradies! Aber das ist kein Ort! Paradies ist ein Zustand: Der Zustand, wo alles gut ist,

wo man sich vertraut und sich aufeinander verlassen kann.

 

Heute sind wir nicht mehr im Paradies, sondern im Zwiespalt. Und das fängt, erzählt die Bibel, mit einer Frage an!

Das ist wie mit einer Kette aus Dominosteinen:

Fällt der erste, fallen alle.

Die Schlange fragt: „Hat Gott wirklich gesagt, ihr sollt den Apfel nicht essen?!“ Und dann fragen die Menschen sich: „Ja, liebt uns jetzt Gott oder hat er nur Angst davor, die Beherrschung über uns zu verlieren?“

Und dann fängt das gegenseitige Beschuldigen an.

 

Mit einer Frage wird alles fraglich.

Die Menschen verlassen sich nicht mehr auf Gott, sondern fühlen sich von ihm verlassen; da ist klar, dass sie am Ende das Paradies verlassen müssen.

Denn aus Vertrauen wird Misstrauen; aus Einheit wird Entfremdung! Aus Klarheit wird Zweideutigkeit; Aus Einsicht Zweifel und aus Eintracht wird Zwietracht;

 

Das läuft so seit Adam und Eva - also schon immer!

Schon immer gehören Glaube und Zweifel zum Menschsein!

 

Die Jahreslosung sagt: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“

Glaube und Zweifel sind Ausdruck der innerlichen Zerrissenheit des Menschen, der glauben will – aber nicht kann.

Weil immer etwas geschieht, was ihm den Glauben raubt; seine Hoffnung zerstört, seine Überzeugungen infragestellt.

 

Die Bibel schildert ganz offen das Zweifeln der Zweifler:

Da ist Jakob, der Mensch, der mit sich selbst ringt.

 

Da sind die Psalmen, die tief in die zweifelnde Seele blicken lassen, wo jemand fragt: „Wie lange willst du mich noch vergessen, Gott“.

Aber mit dieser Frage wendet sich dieser Mensch nicht von Gott ab; er wendet sich Gott zu, denn es ist ein Gebet!

 

Da ist Hiob, von dessen Rechtstreit mit Gott erzählt wird; und da ist Jesus, der am Kreuz zweifelt, ob Gott ihn verlassen hat oder ob er sich noch auf Gott verlassen kann.

Die Antwort aber bekommt er nur durch den Tod hindurch.

 

Im Zweifelsfall steht nichts mehr fest, wir sind hin und her gerissen wie es der Jakobusbrief 1,6 schreibt: „Wer zweifelt, gleicht einer Meereswoge, die vom Wind getrieben sich hin und her bewegt“.

Dazu passt die Geschichte, in der Petrus im Wasser versinkt. Seine Zweifel ziehen ihn runter!

Seinen Halt findet Petrus im sich Halten an Jesus.

Diese Geschichte bewegte Martin Luther.

Nach außen so stark und selbstsicher,

war er oft schwermütig, deprimiert und angefochten war.

Auch er hielt sich wie Petrus an Christus fest:

„Ich bin getauft“ soll er sich selbst dann gesagt haben.

Er verstand die Taufe als Anker;

Die Liebe, für die die Taufe steht, stand für ihn fest.

Die Liebe, die nicht von meinem Gutsein oder meinem

Guthaben abhängt. Diese Gewissheit, von Gott in allem und trotz allem geliebt zu sein, das gab Luther Halt!

 

Glaube und Zweifel gehören zum Menschsein.

Gehören sie deshalb auch zusammen? Luther sagt: Nein!

Der Zweifel ist als Gegensatz des Glaubens Unglaube!

Als Mensch des Mittelalters sah er sich im Kampf.

Der Unglaube war für ihn vom Teufel und gegen den muss man kämpfen.

Daher kommt die Geschichte, dass Luther sein Tintenfass nach dem Teufel warf, um seine Zweifel zu vertreiben.

Eine nette, wenn auch wohl erfundene Anekdote.

Die aber was Wichtiges zeigt!

 

Zweifel macht unsicher, Unsicherheit macht Angst;

Und Angst macht oft aggressiv!

Deshalb bekämpfen Fundamentalisten so aggressiv jeden Zweifler, sie unterdrücken den Zweifel „mit aller Gewalt“;

und mit dem Zweifel die Zweifler gleich mit!

 

Sie erleben den Zweifel als Zerstörung der Ordnung!

Sie begreifen nicht, dass der Zweifel in Ordnung ist

weil er zur Ordnung des Lebens gehört,

so wie es kein Licht gibt ohne Schatten;

keinen neuen Morgen ohne tiefdunkle Nacht!

Glaube und Zweifel sind kein Gegensatz, sondern ungleiche Geschwister, die trotz aller Reibereien zusammengehören! 

 

Wie sie zusammengehören, das hängt davon ab,

ob es ums Verstehen geht oder ums Bestehen!

Ich könnte auch sagen: Ob´s um den Kopf geht o. ums Herz.

 

Im Verstehen geht es ums Sachliche!

Was da einem die Bibel alles erzählt, von einer Schöpfung in sieben Tagen, einer Jungfrauengeburt, wunderbaren Krankenheilungen oder einer Totenauferstehung –

das ist schon alles sehr fragwürdig!

 

Manche Christen wehren diese Fragen ab mit einem einfachen „Des verstesch ao net, des musch halt glauba“!

Da sagt Luther: Nein, das kann´s nicht sein!

Es geht nicht darum, etwas glauben zu müssen, sondern etwas glauben zu können!

 

Glaube war für Luther ein bewusstes Vertrauen, Ein Vertrauen, das wissen will und wissen kann.

Der Verstand will verstehen, dafür haben wir ihn doch!

 

Die Fragwürdigkeit unseres Glaubens

ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.

Durch Fragen stellen und Antworten suchen

wird Glaube nicht geschwächt, sondern gestärkt!

Der englische Schriftsteller Oscar Wilde sagte zurecht: „Skepsis ist der Anfang des Glaubens!“

 

Auch das nimmt die Bibel ernst.

In der Figur des Thomas, er ist als Zweifler Jesu Freund!

Er ist der, der, wie man sagt, „den Finger in die Wunde legt“

Der hinterfragt, den Glauben herausfordert und ihn gerade so stark macht!

Kurt Tucholsky meinte deshalb: „Ein skeptischer Katholik ist mir lieber als ein gläubiger Atheist“.

 

Glaube ist nicht nur emotional, sondern auch rational! Wenn wir zu unserem Glauben stehen sollen, wollen wir verstehen, was oft so märchenhaft in der Bibel klingt. Deshalb gibt es Religionsunterricht, Konfis, Erwachsenenbildung und Hochschulen! Theologie behauptet nicht nur, sie will klarmachen, dass in den alten Geschichten aktuelle Impulse stecken.

 

Zwei kurze Beispiele.

Die Geschichte von Jesus, der übers Wasser geht.

Das versteht man richtig, wenn man weiß, dass Meer in der Antike ein Sinnbild war für das lebensbedrohliche Chaos.

Dass Jesus übers Meer geht, soll also die Botschaft senden: Hab keine Angst, hab Vertrauen: Jesus steht dafür, dass Gott das Durcheinander deines Lebens in Ordnung bringen kann.

 

Die sieben Tage der Schöpfung.

Da geht es nicht um einen Zeitraum, in dem Welt entstand. Sondern darum, die Bedeutung des Sabbats zu zeigen.

Arbeit und Wirtschaft ist viel - aber nicht alles.

Gott selbst ruht sich aus - als Vorbild für uns! 

Wenn sich nicht einmal der Schöpfer bis zur Erschöpfung verausgabt, sollen auch wir davor geschützt sein!

 

Fragen und Anfragen sind keine Majestätsbeleidigung Gottes

denn wer nach Gott fragt – fragt ja nach Gott!

Fragen kratzen nicht an der Autorität der Bibel, sondern bringen unter dem Staub ihre Substanz zum Vorschein!

In dem Sinn ist ein Glaube, der seinen Zweifel los ist, zweifellos kein Glaube!

Und das bleibt so: Denn Antworten veralten, eröffnen neue Fragen, die neuen Antworten Platz machen.

Verstehen ist das eine. Aber: Nur durch rationales Verstehen lässt sich nicht jeder Zweifel aus dem Weg räumen!

Es gibt nicht nur das Erkennen, sondern das Erleben!

Es geht nicht nur das Verstehen, sondern das Bestehen!

Es zweifelt nicht nur der Kopf;

Es zweifelt und verzweifelt auch das Herz!

 

In der biblischen Geschichte ist es ein Vater, der sein krankes Kind in den Armen hält, der sagt: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“

Glaube ist nach Luther bewusstes Vertrauen aber hier geht´s nicht ums Wissen, sondern ums Vertrauen!

 

Erklärungen können hilfreich sein aber nicht immer helfen, trösten, Halt, Zuversicht, Hoffnung oder Sinn geben.

 

Wenn wir erschüttert werden, wenn was zusammenbricht in der Welt oder in unserem Leben dann brechen Zweifel auf.

 

Sinnbild ist bis heute das Erdbeben von Lissabon, 1755.

Die Kirchen brachen zusammen, die Gläubigen starben.

Nur das Rotlichtviertel stand, die Sünder überlebten.

So erschütterte dieses Erdbeben nicht nur die Erde, sondern auch die traditionelle Denk- und Lehrweise über Gott.

 

Mit dem Erdbeben kann eine neue Frage kam in die Welt man nennt sie die „Theodizeefrage“.

Wie kann man angesichts des Elends in der Welt an eine Vorhersehung, an einen gnädigen Gott glauben?

 

Was wie eine theologische- theoretische Frage klingt über die man tief sinnen und klug schwätzen kann ist in Wahrheit die verzweifelte Frage des Herzens die Menschen stellen in den Fluren der Krankenhäuser an einem Unfallort, einem Flüchtlingslager –

eben überall da, wo Menschen leiden!

 

Manchmal sagen Menschen:

„Ich kann nicht glauben, was ich nicht sehe“.

Das ist vielleicht ernster gemeint als es wirkt.

Die, die sagen „Ich kann nicht glauben, was ich nicht sehe“, kommen vielleicht nicht damit zurecht, was sie sehen was sie durch die Nachrichten zu sehen bekommen.

Was wir sehen an Leid und Elend ist oft selbstverschuldet. Trotzdem: Was wir sehen wollen und leider zu oft nicht zu sehen bekommen, sind die Wunder, durch die ein allmächtiger Gott am Ende alles gut macht; die Kranken heilt, die Guten schützt, die Bösen bestraft.

Der allmächtige Gott - Wo ist er, wenn man ihn mal braucht in den Kriegsgebieten und an den Krankenbetten?!

 

Weil dieses „Warum“ eine zutiefst existentielle Frage des Herzens ist, müssen letztlich alle rationalen Antworten – und davon gab es viele in der Theologie –daran scheitern!

 

Beatrice von Weizäcker schrieb, ausgelöst durch den Tod des Bruders, ihr bemerkenswertes Buch: „Ist da jemand? Gott und meine Zweifel“.

Sie beschreibt den Zweifel als „hartnäckigen Burschen“.

„Er kommt in der Nacht als Alptraum und bleibt am Tag als Verzweiflung.“

Aber, so die Autorin, wer zweifelt, ist nah bei Gott.

So findet auch sie die Zweifler für die Kirche wichtig

weil sie scheinbar Gegebenes hinterfragen und keine Bequemlichkeit aufkommen lassen. 

Das tue all jenen gut, die sich mit Zweifeln plagen und trotzdem irgendwie glauben wollen.4

 

„Warum“ fragt das Hirn und fragt das Herz – immer gilt:

Der Zweifel dient dem Glauben und

der Glaube hat dem Zweifel zu dienen-

Der Zweifel sucht nach Glauben, der ihn trägt und hält.

Der Glaube braucht den Zweifel, der ihn prüft und vertieft.

 

In einem Gedicht schreibt Bert Brecht:

Gelobt sei der Zweifel!

Ich rate Euch, begrüßt mir heiter und mit Achtung  

Den, der Euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!

Ich wollte, Ihr wäret weise und gäbt

Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.

 

Wo der Zweifel nah am Verzweifeln ist, da brauchen Menschen von uns Christen kein Behaupten, keine Vertröstung, sondern Vorsicht, Behutsamkeit und Achtsamkeit.

Die Antworten, die wir auf die Not der Menschen geben können, müssen dann wirklich unsere sein; müssen echt, ehrlich, einfühlsam, mitfühlend und authentisch sein.

Im Zweifelsfall, wo ein Mensch im Zweifeln fällt kann unsere Antwort ein kluges Schweigen oder ein behutsames Reden sein, ein Bibelwort, wenn es uns Halt gibt ein Lied oder ein Gebet, ein Aushalten und Ausharren, eine Umarmung, ein Essen oder einer Tasse Kaffee in der Zeit, die man sich nimmt und einem anderen gibt.

 

Wenn ihr mich sucht, ich bin im Zwiespalt. So ist es halt.

Das rationale Anzweifeln um verstehen wollen

ist der Motor, den Glauben besser zu verstehen.

So entsteht erwachsener Glaube als bewusstes Vertrauen.

 

Das existenzielle Zweifeln in den Not- und Krisensituationen das haben wir nicht im Griff, es hat uns im Griff.

Auch da können wir nur hoffen, dass sich heilsame und hilfreiche Antworten und Reaktionen einstellen, die uns einen Weg weisen aus dem Zwiespalt, in das Vertrauen – Trotz und in aller Enttäuschung.

Vielleicht nicht von jetzt auf gleich aber mit der Zeit!

In einem alten Kirchenlied heißt es: „Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel“.

 

Glaube und Zweifel: Das ist kein Gegensatz das sind zwei Schwestern, die sich brauchen; zwei Pole, zwischen denen es hin und her geht.

 

Aus dem Zwiespalt ins Vertrauen:

Die Psalmen beschreiben oft diesen Weg.

Da steht am Anfang die Klage und am Ende das Lob.

Am Anfang der Zweifel; am Ende das Gottvertrauen.

Wie in Ps 73 sagen können:

„Aber dennoch bleibe ich stets an dir denn du hältst mich!“

AMEN

 

 

 

Pfarrerin Cordula Modrack, Kirchentellinsfurt: (Un)gläubiges Staunen

Da geriet die Königin vor Staunen außer sich.

2. Chronik 9,1-12

 

„Exerzitien für Religiöse und Religionslose“.

Das gibt es im Kursangebot des Klosters Birkenwerder, nordwestlich von Berlin. Exerzitien, also geistliche Übungen, für Atheisten?

Pater Körner erklärt: „Als wir unser Exerzitienhaus eröffneten, da haben wir bald festgestellt, dass bei jedem Kurs immer so ein, zwei, drei oder vier sogenannte Religionslose mit dabei sind. Die sind nicht etwa gekommen, um den christlichen Glauben kennen zu lernen, sondern die hörten von anderen:

Hier kann man gut schweigen, hier kann man gut nachdenken. Und da waren die mit dabei. Und das haben wir uns ´ne Weile angeguckt und dann haben wir gesagt: Die laden wir direkt ein. Dass sie wissen: Sie sind willkommen. Und seither bieten wir jährlich zwei- oder dreimal einen Kurs mit der Überschrift an ´Exerzitien für Religiöse und Religionslose´.“  

Dann machen sie sich auf – so stelle ich mir das vor – die Atheisten oder Religionslosen, oder wie sie sich auch immer bezeichnen: Agnostiker, Suchende, Fragende… Sie machen sich auf den Weg ins Kloster, zu geistlichen Übungen. Sie treffen dort auf Leute mit ähnlichen Fragen, aber auch auf ganz andere: Unter den Teilnehmenden sind evangelische, freikirchliche und katholische Frauen und Männer, Hartz IV-Empfänger und Professoren, Hausfrauen, oft auch Priester und Ordenschristen.

 

In der biblischen Erzählung, dem heutigen Predigttext, macht sich auch jemand auf den Weg. Die Königin von Saba. Vom Hörensagen hatte sie von Salomo gehört, dem König aus Israel.

„So ein besonderer König! So weise, klug, uneitel, zugewandt, geschickt.“

Von seinem Gott hatte er sich nicht Geld und Macht gewünscht. Sondern ein Herz, das hört – ein hörendes Herz. Und Ideen hat der – die Königin hat von diesem Kind gehört, zwei Frauen behaupteten die Mutter zu sein. Verblüffend, wie Salomo rausgefunden hat, wer die echte Mutter ist! Diesen Mann möchte die Königin kennen lernen. Sie ist neugierig: Ist er wirklich so weise, so gut wie sein Ruf? Eine weite Reise tritt sie an, vermutlich von dort, wo sich heute der Jemen befindet. Bis nach Jerusalem, zum israelitischen Königshaus, zu Salomo. Luftlinie: über 3000 Kilometer. Viele Grenzen hat sie dabei zu überwinden. Nicht nur Landesgrenzen.

Bald werden zwei Menschen sich treffen, zwar beides Könige, aber doch auch so unterschiedlich:
In ihnen treffen zwei Religionen aufeinander, zwei Nationen – und zwei Geschlechter.

Ich lese den Beginn aus 2. Chronik 9:

1 Und als die Königin von Saba die Kunde von Salomo hörte, kam sie mit einem sehr großen Gefolge nach Jerusalem, mit Kamelen, die viel Spezerei und Gold trugen und Edelsteine, um Salomo mit Rätselfragen zu prüfen.

Und als sie zu Salomo kam, redete sie mit ihm alles, was sie sich vorgenommen hatte.

2 Und der König gab ihr Antwort auf alles, was sie fragte, und es war Salomo nichts verborgen, was er ihr nicht hätte sagen können.

3 Und als die Königin von Saba die Weisheit Salomos sah und das Haus, das er gebaut hatte,

4 die Speisen für seinen Tisch, die Sitzordnung seiner Großen, das Aufwarten seiner Diener und ihre Kleider, seine Mundschenken mit ihren Kleidern und den Aufgang, durch den er ins Haus des Herrn hinaufgehen konnte, da geriet sie vor Staunen außer sich

 

Dort angekommen löchert die Königin von Saba Salomo also mit Fragen. Rätselfragen. Ein beliebtes gesellschaftliches Amusement in der Antike. Was genau die Königin von Salomo wissen will, ist nicht überliefert. Aber sie lässt nichts aus, was ihr auf dem Herzen liegt. Salomo scheint ihr ein guter Gesprächspartner zu sein, so wohltuende, so weise Worte hat er für sie. Und dann all die Pracht um ihn her. Was sie hier erlebt, lässt ihr den Atem stocken. Sie ist außer sich vor Staunen. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen wird sie da gestanden haben. Ungläubiges Staunen!?

 

Jesus spricht, ein Jahrtausend später, von dieser Begegnung. Die Königin von Saba, sie soll euch ein Vorbild sein. Ja, sie, die aus einem anderen Land kommt, die einer anderen Religion angehört – und dazu noch eine Frau ist! Warum? Weil sie neugierig war – und offen. Weil sie aus sich heraus ging, ihre Komfortzone verlassen hat. Weil sie Salomo nicht als Konkurrenten ansah, sondern als interessantes Gegenüber. Nehmt sie euch zum Vorbild, sagt Jesus. Seid neugierig. Seid offen. So könnt ihr Erstaunliches erleben.

 

Die Königin von Saba, ich lese weiter.

5 Die Königin von Saba sprach zum König: Es ist wahr, was ich in meinem Lande von deinen Worten und von deiner Weisheit gehört habe.

6 Ich aber wollte es nicht glauben, bis ich gekommen bin und es mit meinen Augen gesehen habe. Und siehe, nicht die Hälfte von deiner großen Weisheit ist mir berichtet worden. Du bist größer, als die Kunde sagte, die ich vernommen habe.

7 Glücklich sind deine Männer und glücklich diese deine Großen, die allezeit vor dir stehen und deine Weisheit hören.

8 Der Herr, dein Gott, sei gelobt, der dich lieb hat, dass er dich auf seinen Thron gesetzt hat zum König des Herrn, deines Gottes. Weil dein Gott Israel lieb hat, auf dass er es ewiglich bestehen lasse, darum hat er dich über sie zum König gesetzt, dass du Recht und Gerechtigkeit übst.

 

„Der Herr, dein Gott, sei gelobt“, jetzt wird es religiös hier bei den beiden. Die Königin spricht von Jahwe, von dem Gott Salomos. Gelobt sei dein Gott, der einen so weisen und beeindruckenden Mann zum König über sein Volk gemacht hat. Ist das nun ein Bekenntnis zum Gott Salomos?

 

Im Koran, in Sure 27, wird auch von der Begegnung zwischen Salomo und der Königin berichtet. Hier wird die Geschichte so weitererzählt, dass die ungläubige, heidnische Königin von Saba sich bekehrt, sie bekennt sich nun zum Gott Salomos, zum Gott Suleimans, wie Salomo auf Arabisch heißt.

Die Königin bekehrt sich zu Gott, zu Allah. Also gläubiges Staunen bei der Königin?

 

Die alttestamentliche Wissenschaft dagegen schätzt es anders ein: Wenn die Königin sagt: Der Herr, dein Gott, sei gelobt, sei das nicht unbedingt ein Bekenntnis. Vielmehr will sie ihren Respekt äußern, ihren Respekt vor Salomo, der sie so beeindruckt. Ihren Respekt vor seiner Religion, vor seinem Gott, der Quelle seiner Weisheit. Also ungläubiges Staunen?

 

Gläubiges Staunen, ungläubiges Staunen. Ich frage mich: Ist das so wichtig? Ist das das Entscheidende an dieser Geschichte, ob die Königin nach der Begegnung mit Salomo eine ganz andere Glaubensüberzeugung hat?

 

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Mir gefällt die Jahreslosung. Sie vereint beides in einem Satz, ja in einer Person: Glaube und Unglaube. Glaubst du oder glaubst du nicht? Ist es wirklich immer entweder oder? Oder nicht oft: sowohl als auch? Glaube und Unglaube.

 

Was sicher ist:

Die Königin ist verändert durch diese Begegnung mit Salomo. Und Salomo auch, auch wenn er in der Erzählung selbst nichts sagt. Fest steht: Beide sind bereichert voneinander. Das kommt zum Ausdruck in den ganzen Geschenken, die ausgetauscht werden. Hundertzwanzig Zentner Gold, Spezerei, also kostbare Gewürze, Edelsteine und wertvolles Sandelholz, so ist es in den nächsten Versen beschrieben. Und Salomo beschenkt die Königin im Gegenzug mit noch viel mehr. Beide sind nun reicher – und zwar nicht nur wegen der vielen Geschenke. Sondern vor allem durch diese erstaunliche Begegnung.

Im Kloster Birkenwerder neigt sich der Kurs dem Ende zu. Fünf Tage lang haben die Religiösen und Religionslosen miteinander geschwiegen, Vorträge gehört, sich unterhalten und gestaunt. Gleich machen sie sich wieder auf den Heimweg, die Religiösen und die Religionslosen. Oder wie würden sie sich jetzt bezeichnen, nach einigen Tagen in diesem christlichen Kloster? Manchmal kommt es vor, dass sich Teilnehmer später taufen lassen wollen. Aber das ist nicht die Regel. Und auch überhaupt nicht das Ziel. Die sogenannten Religionslosen wurden hier nicht missioniert, nicht belehrt in diesen fünf Tagen, denn: sie haben keinen Makel, kein Defizit, das ist Pater Körner wichtig. Mehr noch: sie sind ein Segen! Mit ihren Fragen und ihren Antworten. Hier im Kloster sind sich unterschiedliche Menschen begegnet. Zum Abschied nehmen sie sich die Teilnehmer in den Arm. Man merkt: hier fahren alle bereichert nach Hause.

Amen.

 

Literatur:

Unterwegs mit den Suchenden. Exerzitien für Atheisten. In: www.katholische-hörfunkarbeit.de

Ulfried Kleinert, Das Rätsel der Königin von Saba. Geschichte und Mythos, Darmstadt 2015

 

 

 

Pfarrer Dr. Hans-Michael Wünsch, Mähringen-Immenhausen: Glaube und Leid

Der Herr hat’s genommen! (Hiob 1,21)

Hiob 1,1-21

 

1,1 Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob.

Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.

2 Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter,

3 und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten.

4 Und seine Söhne gingen hin und machten ein Gastmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag,

und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken.

5 Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.

6 Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den Herrn traten,

kam auch der Satan mit ihnen.

7 Der Herr aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her?

Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen.

8 Der Herr sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob?

Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.

9 Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?

10 Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher bewahrt.

Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande.

11 Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: Was gilt's, er wird dir ins Angesicht fluchen!

12 Der Herr sprach zum Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Da ging der Satan hinaus von dem Herrn.

13 Eines Tages aber, da seine Söhne und Töchter aßen und Wein tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen,

14 kam ein Bote zu Hiob und sprach:

Die Rinder pflügten und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide,

15 da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte.

16 Als der noch redete, kam ein anderer und sprach:

Feuer Gottes fiel vom Himmel und verbrannte Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte.

17 Als der noch redete, kam einer und sprach:

Die Chaldäer machten drei Abteilungen und fielen über die Kamele her und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte.

18 Als der noch redete, kam einer und sprach:

Deine Söhne und Töchter aßen und tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen,

19 und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses; da fiel es auf die jungen Leute, dass sie starben, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte.

20 Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief

21 und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt!

 

 

Liebe Gemeinde,

Hiob hat nie gelebt. Und lebt doch tausendfach!

Sein Name ist eine Frage: „Wo ist der Vater?“, und das Land Uz, in dem er gelebt, bedeutet: „Ratschlag“. Niemand weiß genau, wo es liegt. „Im Osten“, sagt das Hiobbuch selbst sehr vage. Vielleicht im Gebiet der Edomiter, oder auch im heutigen südlichen Syrien, vermuten Bibelwissenschaftler. Jedenfalls außerhalb Israels. Und Hiob ist auch kein Israelit. Sein Name taucht auf beim Propheten Ezechiel, zusammen mit Noah und Daniel, als einer der rechtschaffenen Menschen aus grauen Vorzeiten. Eine Urgestalt also.

„Wo ist der Vater?“, bedeutet der Name „Hiob“, und die Antwort, den Ratschlag, findet man im Lande Uz, und dieses Land findet man im Hiobbuch. Hier also, im Buch Hiob, soll der Rat zu finden sein, wie umgehen mit dieser Frage: „Wo ist der Vater?“ Es geht natürlich nicht um den Vater Hiobs. Es geht um Gott. Und es geht um das menschliche Leid. Und damit um die Frage des Glaubens angesichts des Leides. Nirgends drängender als hier geht es um die Wahrheit unserer Jahreslosung: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben.“

Hiobs Geschick ist ein einziger Klagepsalm. Und die Psalmen sind doch dazu da, dass sich die Betenden in ihnen wiederfinden, dass sie sich diese Psalmworte zu eigen machen können als ihr persönliches Gebet, in dem ihr eigenes Leben erzählt wird. Hiob steht also für die Millionen Menschen, die auf dieser Erde zu leiden haben. Deren Leben vorübergehend oder für immer zerstört wird. Die es am Ende gar verloren haben. Sie alle finden sich wieder in dieser Geschichte.

Es beginnt wie ein Märchen. Es war einmal ein Mann in einem fernen Land. Sieben Söhne hat er und drei Töchter, dann wird sein übriger Besitz aufgezählt, Die Tiere zuerst: 7000 Schafe, 3000 Kamele, 1000 Rinder, 500 Eselinnen. Und dann noch das „Gesinde“ – „sehr viel Gesinde“. Auch das sein Besitz. Hiob ist Sklavenhalter. Er ist Viehzüchter, aber er und auch seine Kinder wohnen in Häusern, er braucht nicht als Nomade umherzuziehen auf der Suche nach Weide für sein Vieh. Man darf annehmen, das Land gehört ihm selbst, und fürs Getier sorgt das Gesinde.

Und natürlich wird dieser Reichtum, wie damals üblich, als ein Geschenk Gottes gesehen. Wer rechtschaffen ist, dem geht es auch gut, sagt die alte biblische Weisheit. Und Hiob ist sehr rechtschaffen, und so geht es ihm sehr gut.

Beginnt nicht so der ganze Psalter?

„Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen,

noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzt, wo die Spötter sitzen,

sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,

der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.

Und was er macht, das gerät wohl!“ (Ps 1)

Und dem Hiob gerät wohl, was er gemacht hat! Allein, diese alte Weisheit ist ins Wanken geraten. Die Zeiten, in denen dieses Buch entsteht, sind alles andere als rosig. Israel gibt es nicht mehr. Jedenfalls längst nicht mehr als geeintes, freies Königreich. Und den Rechtschaffenen im Lande geht es keineswegs gut, reich wird, wer die anderen beraubt, ihres Besitzes und ihrer Freiheit, die Propheten klagen es an, seit Jahrzehnten, ungehört, oft selbst verfolgt, ihre lästige Stimme zum Schweigen gebracht. Notfalls mit Gewalt. Die Rechtschaffenen, die Frommen, die Gutmenschen aber haben zu leiden. Sie leiden an Verfolgung, Entrechtung, Unterdrückung. Sie leiden unter Ausbeutung, unter der Raffgier der Mächtigen, unter Gewalt. Aber mehr als andere leiden sie auch an – Gott!

Haben sie ihr Schicksal nicht an ihn gebunden? Vertrauen auf ihn? Suchen Schutz unter dem Schatten seiner Flügel? „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht!“ Aber wenn er doch wach ist, warum schaut er nicht hin? Warum achtet er nicht auf das Schicksal so vieler Frommer, die sich doch ihm anvertraut haben?!

Es ist fast schon Lästerung, wie die Geschichte des Unheils beginnt. Der ach so rechtschaffene, ach so begüterte und mit Reichtum und Glück gesegnete Hiob gerät ins Visier. Gott trifft sich mit seinen Gottessöhnen. Und zu denen gehört auch Satan. Und Gott verwettet seinen Knecht Hiob. Liefert ihn dem Satan aus. Es ist eine gespenstische, eine zynische Szene.

Der Satan macht sich sogleich ans Werk. Es erwischt seine ganzen Viecher, dazu seine Sklaven. Und zuletzt alle seine Kinder. Nur Hiob selbst sitzt noch in seinem Haus, empfängt eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Und hält doch an Gott fest. Und dann kommt seine, Hiobs rechtschaffene Antwort:

„Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt!“

Was für ein Glaubensheld! Hiob versündigt sich nicht. Runde 1 der Wette geht also an Gott! Und dann wiederholt sich diese gespenstische Szene noch einmal. Wieder im Himmel. Wieder weist Gott selbst den Satan auf seinen treuen Hiob hin. Und es folgt eine zweite Wette. Diesmal geht es Hiob selbst an den Kragen. Satan kann mit ihm machen, was er will. Und er bringt ihn an den Punkt, an dem dieser gerade noch genug Leben in sich hat, um eine Antwort darauf zu geben, ob er dieses Leben nun wegwerfen oder immer noch an Gott festhalten will. „Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!“ Wozu auch noch weiterleben?

Doch auch die zweite Runde der Wette geht an Gott. Hiob nimmt auch das Böse aus seiner Hand, steht da.

Wie ist das nun mit dem Leid? „In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen“, heißt es abschließend. Wenn Hiob ohne Sünde ist, dann kann Leid jedenfalls bei Hiob keine Strafe für irgendeine Sünde sein! Die alte Weisheit ist also dahin. Das Gott dem Guten nur Gutes tue und dem Bösen Böses.

Wenn keine Strafe, ist das Leid dann vielleicht eine Prüfung? So scheint es in dieser grotesken Geschichte. Hiob besteht die Prüfung. Und Gott gewinnt seine Wette. Und Hiob wird zum Glaubenshelden. Allein, das ist eine sehr männliche Perspektive! Das Hiobbuch fragt jedenfalls nicht danach, wie es seiner Frau geht. Wenn das alles ihre Kinder waren, dann trauert sie um sieben Söhne und drei Töchter! Hiob aber lässt sie abfahren: „Du redest, wie die törichten Frauen reden.“ Ach ja, die weisen Männer reden töricht. Auch der große Glaubensstreiter Martin Luther. Der hat, im Gefolge Hiobs gedichtet: „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: lass fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn.“ (EG 362,4: Ein feste Burg ist unser Gott). Nein, so redet das „Weib“ nicht. Frauen lassen sieben Söhne und drei Töchter nicht so einfach dahinfahren. Und wer heute nicht nur unter den Frauen nicht mehr mitsingen mag bei dieser vierten katastrophalen Strophe von „Ein feste Burg ist unser Gott“, der tut gut daran!

Das Hiobbuch jedenfalls fragt nach den Kindern ja auch nicht. Zehn junge Menschen, hoffnungsvoll, das Leben vor sich. Und dann fällt halt das Haus über ihnen zusammen. Hiob hat zuvor Brandopfer für sie gestiftet, falls sie etwas angestellt hätten, heißt es da. Und jetzt sind sie tot. Hatten sie noch Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, was Gott mit ihnen vorhatte? Was aus ihrem Leben werden soll? Wie sie es aus seiner Hand empfangen haben? Und nun wieder hergeben sollen? Darüber sagt uns das Hiobbuch nichts.

 

Hinterher erhält Hiob scheinbar alles wieder zurück. Doppelt! Sozusagen als Belohnung dafür, dass er Gott zu einem zweifachen Wettsieg verholfen hat. Am Ende heißt es: „Und der Herr segnete Hiob fortan mehr als zuvor, er besaß vierzehntausend Schafe und sechstausend Kamele und tausend Joch Rinder und tausend Eselinnen. Und er bekam sieben Söhne und drei Töchter und nannte die erste Jemima, die zweite Kezia und die dritte Keren-Happuch.“ Ist es Ihnen aufgefallen? Bei den Kindern gab es nicht das Doppelte. Da bleibt so ein Respekt vor dem menschlichen Leben. Und wenn er hundert Kinder bekommen hätte! Die zehn ersten ersetzt ihm das nicht. Menschenleben sind unersetzbar. Die Trauer um sie bleibt. Und so werden es wieder sieben Söhne. Und drei Töchter. Und dieses Mal bekommen sie sogar Namen. Um zu zeigen: Sie sind einzig und nicht austauschbar. Ihre Namen stehen geschrieben.

„Der Herr hat’s genommen, der Herr hat’s gegeben“, könnte man am Ende also in Umkehrung des frommen Spruches unseres Glaubenshelden dazuschreiben. „Und Hiob starb alt und lebenssatt.“ Ende gut, alles gut? Wohl eher nicht! Denn ganz so einfach geht die Geschichte dann doch nicht auf. Zwischen dem unheilvollen Anfang und dem Happy End liegen nämlich noch 38 lange Kapitel. Mit lauter Reden. Dispute zwischen Hiob und seinen Freunden, drei erst, und dann kommt noch einer dazu! Und am Ende sind es Dispute zwischen Hiob und Gott selbst. Und in diesen Reden wird eigentlich all das auseinandergenommen, was die Menschen sich so in ihren frommen Köpfen zurechtgelegt haben als mögliche Antwort auf die Frage nach dem Leid. Das formulieren alles die Freunde, und Hiob widerspricht ihnen in seiner unerbittlichen Suche nach einer wirklichen Antwort. Und bekommt am Ende von Gott gegen sie Recht!

Nein, das Leid ist keine Strafe für Sünden, die ein Mensch begangen hat. Nein, das Leid ist keine Prüfung, durch die Gott feststellen will, ob der Glaube auch groß genug ist. Nein, das Leid ist auch kein Mittel, um dem Menschen klar zu machen, wie gut doch das Gute ist, um ihn also das Gute im Leben schätzen zu lehren.

Das Leid ist, was es ist: Leid! Und das darf nicht verniedlicht werden. Nicht verharmlost werden, und die vielen, vielen Opfer, die es gekostet hat in der Geschichte der Menschen, dürfen nicht verschwiegen und ihrer Würde als Opfer beraubt werden. Sie haben alle einen Namen gehabt, und sie sind alle nicht austauschbar und nicht ersetzbar.

 

Und da bekommt Hiobs erste Antwort ihre richtige Betonung. Wir lesen ja meist: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen!“ Aber wir sollten das so lesen: „Der Herr hat’s gegeben. Der Herr hat’s genommen!“ Es geht also nicht darum, Gott sozusagen reinzuwaschen von allem, was den Menschen an Leid widerfährt. Er kann es ja wohl nicht gewesen sein, sagen viele, und das ist dann auch gut gemeint. Aber sie reihen sich damit ein in die Reihe der wohlmeinenden Freunde Hiobs, die doch alle am Ende verstummen müssen.

Nein, Gott und das Leid gehören zusammen, und erst daraus erwächst dann doch so etwas wie Trost aus diesem Wort: „Der Herr hat’s genommen!“ Kein anderer. Denn das wäre ja der Umkehrschluss: Der Hüter Israels schläft und schlummert. Und überlässt seine Menschenkinder irgendwelchen fremden, bösen Mächten. Nein, der Herr hat’s genommen! Ich habe diesen Satz einmal bei einem Kirchentag in einer Veranstaltung des christlich-jüdischen Dialogs aus dem Munde eines jüdischen Rabbiners gehört. Es ging dabei darum, das unfassbare Grauen der Shoa, des Holocaust(es) gedanklich zu fassen. Wie können Juden nach all dem millionenfachen Leiden und Tod noch an einen, an ihren Herrn und Gott glauben? Das „Schema Jisrael“ in den Mund nehmen, das so viele in den Gaskammern auf den Lippen hatten? „Wir lassen uns nicht auch noch unseren Gott nehmen!“, antwortete der Rabbiner darauf. Das an ihm Festhalten selbst ist der Trost. Auch denjenigen, denen alles genommen ist, bleibt dieser Gott. Dafür steht Hiob. Sein Name ist eine Frage: „Wo ist der Vater?“ Und das ist nicht nur die Frage der sieben Söhne und der drei Töchter Hiobs, sondern Hiob selbst ist in Person diese Frage!

Und diese Frage wiederholt sich am Kreuz Jesu. Dort heißt sie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus hält an ihm fest. „Mein Gott“, nennt er ihn, auch dann noch. „Vater, vergib ihnen“, sagt er am Kreuz.

Die im Leid sind, die gar den Tod, den eigenen Tod vor Augen haben, die haben das Recht auf ihren Gott, und niemand kann ihnen das nehmen. Ihr Leid gehört zu diesem Gott. Und ihr Leben und ihr Name dazu. Gott ist bei den Leidenden. Untrennbar. Der Gekreuzigte Jesus ist der leidende Mensch schlechthin. Er flieht in seiner Gottverlassenheit zu Gott hin. „Wo ist der Vater?“, fragt Hiob. Dort. Am Kreuz. Und alles Leid ist bei ihm aufgehoben. Und harrt der Erlösung. Der Herr hat’s genommen, sagt uns Hiob bis heute! Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben. Amen.

 

Pfarrerin Christine Eppler, Wankheim/Jettenburg: Glaube und anderer Glaube

Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer gesehen

Apg 17,23

 

Liebe Gemeinde,

„Ich glaube. Herr, hilf meinem Unglauben“ – so kommt in der Jahreslosung zwischen letzter Hoffnung und Hilflosigkeit der Glaube jenes Vaters daher, welcher Jesus das Leid seines chronisch kranken Kindes klagt. Glaube und Unglaube liegen nah beieinander, so erzählt es das Evangelium. Vom Markusevangelium und diesem Vers 24 im neunten Kapitel haben wir uns im Distrikt anregen lassen, darüber nachzudenken wie das ist, wenn Glaube ringen muss. Wenn Gott sich zu verbergen scheint unter seinem Gegenteil.

Glaube als herausgeforderter Glaube- in ganz unterschiedliche Richtungen gehen die Schwerpunkte, welche meine geschätzten Kolleginnen und Kollegen im Distrikt in ihren Predigten nachgehen. Heute würde ich von meiner Seite aus mit Ihnen gerne dem nachgehen, wie das ist, dass christlicher Glaube dadurch herausgefordert ist, dass er ja nicht allein da ist, sondern dass da die Herausforderung von anderem Glauben ist. Wollte ich schnell sein und brüsk, dann würde die Überschrift über der heutigen Predigt lauten: Glaube und Unglaube. Wer an das Thema rein kämpferisch herangeht, für den steht fest: Es gibt christlichen Glauben – und sonst gar nichts. Man ist gläubig- oder ungläubig. Doch hatten wir ja gesagt, dass wir uns von der Jahreslosung herausfordern lassen dazu, das merkwürdige Ineinander und Nebeneinander und die unglaubliche Nähe von „Glaube“ und „Unglaube“ vertieft zu betrachten. Dazu helfe uns Paulus:

 

I „umhergehen und ansehen“

Vom Völkerapostel kann man lernen, wie er mit anderem Glauben umging. Er trug alles in sich:
seine jüdische Schriftgelehrtheit als Fundament seines Glaubens, seinen römischer
(Welt-)Bürgerhorizont, seine tiefe Christus-Erfahrung, welche ihn alle bisherigen Wege der Gottessuche überprüfen ließ. Paulus war Handwerker -Zeltmacher sagt man- und er hochgebildet, konnte die Sprachen hebräisch und griechisch und lateinisch. Wer mit Paulus über Gott sprach, konnte sich sicher sein, dass dieser ein Gesprächs-Partner sein wollte. Wir haben in der Schriftlesung bereits gehört, wie er mit all dem unterwegs war auf seinen Missionsreisen, wie er den Griechen ein Grieche und den Juden ein Jude war - das heißt: wie er die Frömmigkeit und den Glauben seiner Gegenüber kannte und verstand. Wir haben in der Schriftlesung bereits gehört von jener Begebenheit auf einer Etappe der zweiten Missionsreise, die von der Apostelgeschichte erzählt wird. (Es ist also nicht der Apostel im Original, sondern die Brille der Apostelgeschichte, die uns mit nach Athen auf den Areopag nimmt:

17 Und er redete … täglich auf dem Markt zu denen, die sich einfanden. (…)

19 Sie nahmen ihn aber mit und führten ihn auf den Areopag und sprachen: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du lehrst? (…)

22 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.

23 Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen …

 

Liebe Gemeinde,

das wäre das erste, was wir am Völkerapostel sehen, wie mit anderem Glauben umzugehen ist:

*Hingehen: ich bin umhergegangen.

*anschauen, betrachten: ich habe Eure Heiligtümer angesehen.

*auf sich wirken lassen: ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.

Wer sich dies zum Vorbild nimmt, wird nicht im Eigenen verharren oder sich stets und ausschließlich nur mit dem beschäftigen, was einen selbst geprägt hat. Genau dieser Gedanke steckt dahinter, wenn die Evangelischen Kirchen Akademien gründen und dort das Gespräch innerhalb der Gesellschaft mit vielen Gruppen pflegen. Die Evangelische Akademie Bad Boll gibt es – gar nicht weit von hier entfernt- nun schon seit 1945. Ihr Symbol ist die Brücke. Dieses Jahr ist also 75-jähriges Jubiläum in Bad Boll und mehr denn je lautet die theologische Herausforderung, Pluralität zu sehen, zu verstehen, auszuhalten und zu ertragen- und im günstigsten Fall auch noch, etwas Gutes daraus entstehen zu lassen, was Akademiearbeit ist - dies möge auch in der neuen Landessynode gesehen werden! Akademie - sie hat eine große Aufgabe.

 

Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen …. – es braucht diese paulinische Herangehensweise, damit Christen den Dialog mit anderen Religionen suchen- weil sie wissen, dass man zum miteinander leben auch verstehen muss, woran man glaubt und woran andere glauben. Hans Küng ging in Tübingen mit seinem Projekt Weltethos früh und als einer der ersten so weit, dass er sagte: „Ohne Friede der Weltreligionen gibt es keinen Frieden auf der Welt“.

 

Liebe Gemeinde,

was wir also im Predigttext hören, ist, dass Paulus in Athen über den eigenen Tellerrand schaut und das Gespräch sucht. Der Apostel als Vertreter des Christentums tritt erkennbar und mutig in den Dialog mit der Kultur ihrer eigenen Zeit ein. Dabei ist es nun nicht mehr „Kleinasien“, sondern Paulus ist in Europa angekommen; der Ort der Handlung ist Athen, die geistige Hauptstadt des griechischen Denkens (…) Weil Paulus den Ruf Gottes vernommen hatte, bewegt er sich über Philippi, Thessaloniki und Beröa nach Athen, wo er einige Zeit auf seine Begleiter warten muss. Das gibt ihm Zeit zu schauen.

Zwar hat Athen zur Zeit des Paulus längst nicht mehr den Glanz und die Macht der alten Zeiten – man ist ja jetzt auch in Athen (seit 86 v. Chr.) nicht mehr selbständig, sondern von Rom abhängig, doch es behielt die Privilegien einer freien Stadt; dem entsprach das Selbstbewusstsein seiner Bürger. Paulus kommt in eine Stadt, in der das Angebot an Kultur, Philosophie und Religionen groß ist. Er muss dort auf seine Mitreisenden warten und nutzt die Zeit, um die Stadt wahrzunehmen.

 

II „Wen oder was hebe ich auf den Altar?“

Liebe Gemeinde,

in der Apostelgeschichte wird deutlich, dass Paulus sich seinen Teil gedacht hat. Die Welt mit offenen Augen betrachten, den anderen Glauben betrachten- ja selbstverständlich kommt es dann dazu, dass man bewertet, beurteilt, sich positioniert. Es war das große Missverständnis des Postmodernismus ab den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, dass man einfach alles nebeneinander stellen könne und dann dürfe sich ein jedes auswählen, was bekommt und gefällt – Anything goes…

Das kann man machen, doch eine Gesellschaft und auch ein Staat und auch eine Welt braucht ja nicht nur den Pluralismus, sondern auch die Diskussion über was, was noch geht und das, was nicht mehr geht, was nicht allgemein akzeptiert werden kann. Genau dazu braucht es aber den Diskurs, die Diskussion.

 

Warum ist Paulus damals so „ergrimmt“ von dem, was er sieht?

Vermutlich dies: Dass das 1. Gebot nicht mehr beachtet wird, dass nicht unterschieden wird zwischen Gott und Mensch. Der römische Kaiserkult – das ist für fromme Juden damals längst eine Herausforderung geworden, denn das Gesetz verbietet es, dem weltlichen Herrscher eine gottgleiche Stellung zu geben: Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Der römische Kaiserkult – das wird für die junge christliche Kirche gleichermaßen eine Herausforderung werden, denn die 10 Gebote gelten auch für die Christus-Anhänger, die eben nur den einen Herrn haben, den Kyrios Christos. Beide- Juden und Christen- waren im kaiserlichen Rom herausgefordert und unzählige von ihnen gingen für ihre Überzeugung in den Tod.

 

Die Archäologie hat herausgefunden, dass insgesamt 13 Altäre für den gottgleich zu verehrenden Kaiser dort errichtet waren, und dass das Stadtbild zudem angefüllt war mit einer Vielzahl von Statuen, die Götter und Göttinnen, aber auch Personen aus der Geschichte der Stadt und andere geehrte Menschen darstellten. Reiche Einzelpersonen und Machthaber aus der ganzen Mittelmeerwelt finanzierten Bauwerke in Athen, um ihre eigene Größe zu demonstrieren.

 

 

III „krinein

Alles war also damals in Athen da. Es gab Angebote aus Kultur und Wirtschaft, Religion und Politik – in Hülle und Fülle. Man könnte auch sagen: Die multikulturelle Stadt ist nicht neu- und nicht nur in Athen, sondern auch in Thessaloniki und in anderen Gemeinden war einfach was es gab schon da, wenn Paulus mit seiner Botschaft vom auferstandenen Christus kam.

Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext erzählt auch davon, dass Paulus seinen eigenen Standpunkt vertrat. Ihm war klar: als Mensch musst Du Dich entscheiden, wo Du stehst, wie Du Dich positionierst.

Selbstverständlich war damals bei Paulus in Athen die Ausgangslage nicht die einer westlich-aufklärerischen Gesellschaft, wo sich das Individuum frei entscheiden kann.

Doch wenn wir heute versuchen, Glaube zu leben und uns die Weitergabe des Glaubens auch wichtig ist an die nächste Generation – dann wird dieser Aspekt der unterschiedlichen Lebensentwürfen immer eine große Rolle spielen.

Bei aller Freiheit ist uns dabei längst klar, was Medizin und Psychologie mahnend erforschen: dass es auch krank machen kann, wenn man sich immer entscheiden muss, dass die sogenannte „Multioptionsgesellschaft“ eine Herausforderung >sein kann>, die beängstigend wirkt. Neue Erkenntnisse zur Volkskrankheit Depression zeigen, dass Depression in ursächlichem Zusammen hang damit stehen kann, ständig Entscheidungen treffen zu müssen und zu wissen, jede kann falsch sein: Mit jeder Entscheidung schließe ich so viele andere Möglichkeiten aus.

 

IV „religiös in jeder Hinsicht“

Gehen wir zurück nach Athen zu Paulus. Er ist also nicht nur stumm umhergangen, sondern sucht das Gespräch. Wir erfahren im Predigttext, dass die Reaktionen auf die Gesprächsbeiträge des Paulus allerdings zwiespältig sind.

Die einen verbergen ihre Skepsis erst gar nicht. (…) Andere haben Mühe, den Apostel überhaupt zu verstehen. Wenn er von „Jesus und der Auferstehung“ spricht, halten sie das für ein neues Götterpaar, das ihnen bisher noch nicht geläufig war (V. 18). Ob er für die beiden zwei zusätzliche Standbilder errichten will?

 

Liebe Gemeinde,

an dieser Stelle nun noch einmal die Situation - was wir nicht vergessen dürfen: damals auf dem Areopag zur Rede gestellt zu werden, das heißt auch: in eine brisante Situation gestellt zu werden, denn: sagen durfte man nur, was Rom gefiel. Offensichtlich entstehen Zweifel, ob wohl politisch korrekt ist, was Paulus vorträgt.

Er muss vor dem Areopag Rede und Antwort stehen- wir wissen nicht, ob Paulus nur auf den Areopag geführt wird, also einen ORT/Hügel oberhalb des Marktes, der schon seit alter Zeit als Versammlungsort diente, oder zu der gleichnamigen Behörde, die auf der Agora ihren Sitz hatte und in römischer Zeit über wichtige Belange der Stadt zu entscheiden hatte. Die Szene, die uns vor Augen gestellt wird, spricht aber eher dafür, dass Paulus sich vor dieser Behörde für seine Botschaft verantworten muss. Zeitgenossen berichten von Spitzeln, die Leute verleiten, sich kritisch über den Weltherrscher in Rom zu äußern, und sie dann anzeigen. Die Apostelgeschichte selbst erzählt mehrfach von Konflikten mit städtischen Behörden, in die Paulus aufgrund seiner Verkündigung geriet. So wird er also wohl auch in Athen einer letztlich politischen Befragung unterzogen. Enthalten seine Auffassungen eine Gefahr für die öffentliche Ordnung? Wendet er sich gegen die Verehrung der Gottheiten, deren Statuen er so interessiert betrachtet? Spricht er sich gar gegen den Kaiserkult aus? Stellt er mit seinem Bekenntnis die herrschende Religionspolitik in Frage oder bewegt er sich noch in einem vertretbaren Rahmen?

Wie wird die Antwort aussehen? Wird er den nötigen Mut zu der Feststellung haben, die uns von Petrus überliefert ist: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5, 29; Jahreslosung vor einigen Jahren)?

Der Anfang der Rede, zu welcher der Apostel ansetzt, überrascht: Statt auf Konfrontation setzt er auf Anknüpfung. Ja, er beginnt geradezu mit einem Kompliment an seine Zuhörer: „Ihr Leute von Athen, ich sehe, wie religiös ihr in jeder Hinsicht seid.“ (= ÜS Klaus Wengst) Wo ist das Ergrimmen geblieben? Verbirgt Paulus seine wahren Regungen aus taktischen Gründen? Gibt er klein bei, weil die Machtverhältnisse klar sind? - hier die oberste Behörde Athens, hinter der das römische Weltreich steht - und da der Jude Paulus, der sich zu Jesus Christus bekennt, der Anhänger einer kleinen Glaubensgemeinschaft in heidnischer Umwelt. Dazu ein Ausländer aus einer randständigen Provinz. Zunächst lässt sich schwer ermessen, ob Paulus sich opportunistisch anpasst, um heil davonzukommen, oder ob er sich auf seine Hörer einlässt, um „den Griechen ein Grieche“ zu sein.

(…) Immer wieder in der Geschichte der Kirche sind Christen in Situationen gekommen, in denen sie öffentlich über ihren Glauben Rechenschaft ablegen mussten. Und jedes Mal stellt sich die Frage wieder neu: Was ist im schlechten Sinn „Anpassung“ – und was ist im guten Sinn „Einpassung“ in die Situation? (Formulierung W.Huber)

Im Rückblick kann man das unter Umständen besser einschätzen, doch handeln wir ja, wenn wir herausgefordert sind in unserem jeweiligen Alltag von Beruf und Welt, von Familie, Schule nicht unter Laborbedingungen,

sondern wer Entscheidungen treffen muss, der muss diese oft in einem Dilemma treffen, in einer unübersichtlichen Situation

Am letzten Montag war der 27. Januar, Holocaust-Gedenktag in Deutschland. Selbstverständlich schwingt an so einem Tag neben dem Entsetzen, wie es in unserem Staat und in unserer Gesellschaft so weit kommen konnte, dass der Vernichtungsbeschluss gegenüber den Juden und der Antisemitismus unwidersprochen waren auch die Frage mit, wie es in unserer Kirche so weit kommen konnte, dass das 1. Gebot vergessen zwischen 1933 und 1945 wurde und man zuließ, dass einer sich als „Führer“ an die Stelle Gottes setzen wollte.

Und als vor wenigen Wochen der frühere DDR-Kirchenmann und spätere Ministerpräsident Manfred Stolpe starb, kam diese Diskussion auch wieder auf: „Anpassung“ oder „Einpassung“…? Wer – vielleicht in seiner thüringischen Partnergemeinde- oder andernorts sich klarmacht, was Christsein in der DDR hieß, der wird hoffentlich mit Demut zuhören – wie schwierig das war (letztes Jahr habe ich dazu in der Predigtreihe an die DDR-Christin Regine Hildebrandt erinnert.).

Paulus auf dem Areopag auf der Grenze zwischen Einpassung und Anpassung. Wie geht er mit dieser Grenze um? Zum einen versteht er die Sorge darum, dass sie es dort den Göttern recht machen wollen. Und klar ist auch: Weder damals in Athen noch heute haben wir Christen ein Monopol in Sachen Religion.

 

V „ein andermal weiterhören“

Doch wie kann er dort den Gott nahebringen, der nach jüdisch-christlichem Glauben allein zu Recht Gott genannt und als solcher angebetet wird? Er fährt fort mit einer Erinnerung an Schöpfer - Gott, dem sich alles Leben verdankt und sagt -Vers 23: „Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.“

 

Liebe Gemeinde,

da wir nicht dem gesamten Duktus der Areopagrede nachgehen können, mache ich hier einen Sprung zum Ende der Szene. Paulus hat von Jesus Christus erzählt, von dem, dass er dem Tode seine letzte Macht schon genommen hat in der Auferstehung: „Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören“ (V. 32).

Keine große Zustimmung, bestenfalls – außer Spott – ein angedeutetes Interesse, das Gespräch „ein andermal“ fortzuführen. Lukas berichtet nur von „einigen Männern“ (V 34), die sich Paulus anschließen, und nennt namentlich nur einen Dionysius, „ein Mitglied aus dem Areopag“ (wie es wörtlich heißt), und eine Frau mit Namen Damaris. In Athen ist der Missionsarbeit des Paulus ein großer, sichtbarer Erfolg versagt geblieben. Keine Gemeinde ist dort entstanden. Ist die Stadt ein „zu harter Boden“ für das ausgesäte Wort Gottes? Vereinnahmt der Markt der Angebote das Evangelium als eine Botschaft unter vielen? Nun stehen die Namen Dionysius und Damaris nicht nur für zwei einzelne Menschen. Vielmehr repräsentieren sie auch unterschiedliche Gruppen, die sich zur urchristlichen Bewegung zählen. So steht Dionysius als Mitglied des Areopags sozusagen für die andere Seite, die mit ihm stellvertretend gewonnen wird. Und Damaris repräsentiert die vielen Frauen, die sich Paulus anschließen, wie wir das auch aus seinen Briefen wissen. Dass das Wort Gottes, wie es beim Propheten Jesaja heißt, „nicht leer zurückkommt“ (Jes 55,11), ist aber offensichtlich nicht immer unmittelbar an dem abzulesen, was vor Augen sichtbar wird. In diesem Sinne stimmt es, dass „Erfolg keiner der Namen Gottes“ (Martin Buber) ist. Die Erzählung von der Missionsreise des Apostels Paulus ist auch hier wieder ganz nah bei unseren Erfahrungen: Dass die Saat des Wortes Gottes aufgeht, ist die Hoffnung, die uns bei der Verkündigung des Evangeliums leitet. Aber wir wissen, dass die Umkehr der Herzen letztlich Gottes eigene Sache ist. Das kann uns vor Entmutigung bewahren. Unsere Aufgabe ist es nicht, nachzuzählen, wie viele Menschen das Wort Gottes erreicht hat. Unsere Aufgabe ist es, uns mit Paulus getrost auf den Markt der religiösen Angebote zu begeben und dort für das einzustehen, was uns selbst als befreiende Wahrheit widerfahren ist. Dazu werden wir heute Morgen ermutigt. Dass es gelingt, erhoffen wir von Gottes Geist. Amen.

 

 

Hintergrund bzw. mitverwendete Literatur:

deutschlandfunk KULTUR

https://www.deutschlandfunkkultur.de/wir-sind-von-seiner-art.1124.de.html?dram:article_id=216377

Cf. Wolfgang Huber, Bibelarbeit bei Kirchentag 2007 Köln,

https://www.ekd.de/070609_huber_bibelarbeit_dekt.htm

und WOLFGANG HUBER, Predigt auf Rügen 2011 zur Areopagrede,

http://www.wolfganghuber.info/images/wh_pdf/110814%20altenkirchen.pdf

Cf Heidelberger Predigtforum, Pfarrer Heinz Janssen

https://predigtforum.de/2008/04/08/keinem-menschen-ist-gott-fern/

cf DIE ZEIT -

https://www.zeit.de/2018/45/religioese-reden-predigt-protestantismus-kirche-freiheit/seite-2

cf Fulbert Steffensky, Was unsere Hoffnung nährt,

https://www.ostfriesischerkirchentag.de/damfiles/default/okt/Steffensky-Hoffnung-Ostfriesland.pdf.pdf-8fa9893038032d4b0ba63af3a20f424e.pdf