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Die Jahreslosung 2020

Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

 

 

Ein Schrei.

Die Jahreslosung für das Jahr 2020 ist ein Schrei. Ein Mann brüllt Jesus an. Aus purer Verzweiflung. Sein Sohn ist krank, todkrank. Von Geburt an. Er leidet an Epilepsie. Was für ein Schreck jedes mal, wenn er sich auf dem Boden wälzt, mit Schaum vor dem Mund. Oft in der Nähe von offenem Feuer und tiefem Gewässer. Wie hilflos und voller Angst der Vater dabei ist. Alles hat er schon versucht. Die Freunde von Jesus, diesem Wundertäter, sind auch ratlos. Jesus ist die letzte Hoffnung für diesen mitfühlenden Vater, der am Ende seiner Kräfte ist. Aufgelöst wendet er sich an Jesus und fleht ihn an: „Hilf uns, wenn du kannst!“ Und Jesus? Statt ihm augenblicklich zu helfen, ist Jesus erstmal echt fies. Er provoziert den Vater regelrecht. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!“, sagt er lapidar. Jetzt rastet der Vater aus, mit hochrotem Kopf brüllt er Jesus an, vor versammelter Mannschaft: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Die Gute Nachricht übersetzt das so: „Ich vertraue Gott ja – und kann es doch nicht! Hilf mir vertrauen!“

Dieser Vater ist total zerrissen. Einerseits will er die Hoffnung nicht aufgeben, will weiter kämpfen für seinen Sohn. Aber jetzt ist die letzte Kraft ist geraubt, alles ist gesagt, alle Tränen geweint, jetzt kann dieser Mensch nur noch schreien. Ich höre das anschließende „aaaaaaaahh“ förmlich in meinem inneren Ohr.

Der Vater wendet sich in seiner Verzweiflung nach außen. Er gesteht sich ein, dass er jetzt an einem Punkt ist, an dem er aus eigener Kraft nichts mehr tun kann, nicht einmal glauben, nicht mehr hoffen, nicht mehr vertrauen. Er spürt: nicht nur mein Sohn braucht Hilfe, sondern auch ich. Mein Glaube braucht Hilfe. Ich kann nicht mehr.

Mir gefällt diese Jahreslosung. Ich finde sie beschreibt diese innere Zerrissenheit gut. Schon durch die Worte ist die Zerrissenheit dieses Menschen vor Augen geführt: Glaube – Unglaube. Eigentlich Gegensätze. Entweder – oder. Oder? Ich denke, viele kennen ähnliche Zerreißproben:

·         Ich will dir vertrauen, aber ich kann es nicht mehr.

·         Ich will dir zeigen, wie wichtig du mir bist, aber ich vermassel es jedes mal.

·         Ich will stark sein und fühle mich doch so erbärmlich schwach.

·         Ich würde gern an einen Gott glauben können, aber oft erscheint es mir so dumm.

·         Ich würde gern hoffen, aber wurde so oft schon enttäuscht.

·         …

Und dann? Jesus lässt sich anschreien von dem Vater, er verschwindet nicht beleidigt, sondern hält ihn erstmal aus in seiner Zerrissenheit. Und – obwohl es um viel mehr geht in dieser Geschichte, um Zerrissensein und Aushalten, um Verzweifeln und Glauben – am Ende heilt Jesus den Jungen.

Zum Schluss ein Gedicht von Erich Fried:

Zweifle nicht
an dem
der Dir sagt
er hat Angst

 Pfarrerin Cordula Modrack

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